Im Jahr des Mauerfalls und der »samtenen Revolution« machte der US-Wissenschaftler Francis Fukuyama weltweit Furore mit seinem Essay Das Ende der Geschichte.Seine These: Mit dem kommunistischen Weltreich vergehe auch der letzte große Krieg der Ideologien - übrig bleibe die liberal-kapitalistische Demokratie als Alleinherrscher über die Zukunft. Welch schrecklicher Irrtum!Tatsächlich sah es kurz so aus, als hätte die Geschichte sich überwunden Diktaturen fielen, und die Marktwirtschaft triumphierte.Doch die Sehnsucht nach Heilslehren ist eine anthropologische Konstante, und deshalb kehrte die »Geschichte« geschwind wieder zurück.Die Kapitalismuskritik geriet zur Antiglobalisierung, die Attacke gegen den Liberalismus wechselte die Flagge: vom Rot der Revolution zum Grün des terrorbewehrten Islamismus.Und die Demokratisierung?In ihrer gewaltsamen Form ist sie grausam gescheitert.Die wunderschöne Theorie von Kant und Tocqueville, wonach Demokratien grundsätzlich friedfertig seien, verkehrt sich im Irak ins Gegenteil, in den Krieg aller gegen alle. Schlimmer noch.Seit dem »Ende der Geschichte« ist die Welt gefährlicher geworden.Zwei Regime, Iran und Nordkorea, greifen nach der Bombe, die ihre apokalyptischen Träume beflügelt - ihre Rivalen werden nachziehen.Der Terror ist zur Discount-Waffe gegen eine liberale Weltordnung geworden, die vom globalen Handel und Wandel lebt, aber auch von den Bürgerfreiheiten im Inneren. Die Globalisierung?Sie produziert rasantes Wachstum, schmälert die Kluft zwischen Industrie- und jenen Entwicklungsländern, die sich ihr aussetzen, verstärkt aber die Ungleichheit im Westen, weil Abermillionen von Asiaten den Preis für niedrig qualifizierte Arbeiten drücken auch bei den Dienstleistungen.Folglich der Aufstieg linker und rechter Demagogen, die Mauern gegen Menschen wie Güter hochziehen wollen. In Mittelost kämpfen Sekten gegen Sekten, Regime gegen Völker, Islamisten gegen Potentaten und Staaten gegen Staaten Konflikte mit weltweitem Eskalationspotenzial.Die Region ist, um Samuel Huntingtons berühmte Formel umzudrehen, eine »civilization of clashes«.So haben wir uns das »Ende der Geschichte« nach dem Mauerfall nicht vorgestellt. Was tun?Nur noch eiskalte Realpolitik betreiben?Die hätte den Irak-Krieg und so den Aufstieg Irans verhindert.Denn Saddam, in seiner ganzen Gemeinheit, bildete das Gegengewicht zu den Chomeinisten.Würde Teheran so ungeniert zur Bombe greifen, wenn Amerikas Kraft und Legitimität heute noch intakt wären? Demokratisierung ja, aber bitte dulce.Die bestgerüstete Armee ist wie ein Mammut, das Bäume ausreißen, aber nicht pflanzen kann.Überdies brauchen die Aufständischen im Irak keine Präzisionswaffen, per Handy gezündete Straßenbomben reichen aus, um den Besatzer mit »asymmetrischer Kriegsführung« zu zermürben. Anders als Rom fehlt der »imperialen Republik« Amerika das imperiale Temperament, die jahrzehntelange Geduld und Opferbereitschaft, um sich fern vom eigenen Land durchzusetzen siehe auch Somalia und Vietnam - davor erging es Frankreich in Indochina und Algerien ähnlich.Und deshalb kann jetzt jeder orientalische Despot höhnisch auf den Irak und Gaza zeigen: »Wollt ihr immer noch freie Wahlen?«Sollen wir sie weiterhin hofieren? So einfach ist es nicht.Von den 19 Terroristen des 11.September stammten 15 aus Saudi-Arabien, einer frommen Kleptokratie, die außer Öl nur Millionen junge Männer ohne Jobs und Zukunft produziert.Das sind die wahren Wurzeln des Terrors, aber die Sache ist nicht hoffnungslos, wie die Türkei und Malaysia beweisen: islamische Länder mit florierender Wirtschaft und funktionierender Demokratie.Das zeigen auch die kleinen Golfstaaten, die sich schrittweise liberalisieren.Dito Jordanien. Das Rezept ist ein dreifaches: Integration in die Weltwirtschaft, dazu leiser Reformdruck und Sicherheitsgarantien von außen.Der Beschützte kann daheim auch Risiken eingehen. Wer soll in dieser unsicheren Welt für Sicherheit sorgen?Die Europäer?Sie möchten gern, aber sie wagen sich nicht weiter als in die Gewässer des Libanons.Die Russen?Sie wollen zurückbekommen, was sie verloren haben - Putin betreibt Macht-, nicht Verantwortungspolitik, und das viel effektiver mit Öl und Gas als einst mit Panzern und Raketen.China?Das ist eine weiche revisionistische Macht, die nach Vorteil, aber nicht nach Verantwortung greift - die Konfrontation mit Amerika zögert sie hinaus, um dem Schicksal Deutschlands und Japans im 20.Jahrhundert zu entgehen.Sonst noch jemand, die UN vielleicht?Sie sind Bühne, nicht Akteure. Bleibt also die »letzte verbliebene Supermacht«, die 50 Jahre lang das »Bleigewicht am Stehaufmännchen« der liberalen Weltordnung war, um ein Wort Bismarcks über Deutschlands Rolle in Europa aufzugreifen.Lange hat Amerika regionale Sicherheit produziert und als Stütze des Freihandels und der Währungsstabilität fungiert.Mit derlei Verantwortungspolitik brilliert Amerika in der Ära Bush nicht mehr. Von den Ketten der Bipolarität befreit, hat es wie ein entfesselter Riese agiert.Es hat die internationalen Institutionen missachtet, die es einst begründet hat, das Gemeinschaftliche in der globalen Wirtschafts- und Finanzpolitik einem schnöden Bi-, ja Unilateralismus geopfert. Folglich wurde dieser Pfeiler der Weltordnung zu ihrem Problem, der Manager zum Monstrum.Fazit: Noch nie war Amerikas physische Macht so groß, noch nie seine Legitimität so klein - »Amerika ist radioaktiv«, klagt Newsweek-Kolumnist Fareed Zakaria.Das mag ein Grund zur Genugtuung sein, aber nicht zum Jubeln.Denn schlimmer noch als ein übermächtiges ist ein schwaches, gedemütigtes und selbstbezogenes Amerika. Leider wird die Selbstkorrektur erst in zwei Jahren, nach Bush, einsetzen.Doch die gute Nachricht für 2007 lautet: Diese Welt ist zwar gefährlicher geworden, aber die Wirtschaft »brummt«.Seit 2003 wächst die Weltwirtschaft dank der Globalisierung jährlich um fast fünf Prozent, und der Weltwährungsfonds sieht über vier Prozent bis 2010 voraus.Geld bleibt billig, und Europa wie Japan klettern aus dem Jammertal der Jahrtausendwende heraus, haben aber noch viel zu tun. Das Unterpfand ihres Reichtums ist die Globalisierung, aber deren Verlierer niedrig qualifizierte Arbeiter mehren sich, während die Hochqualifizierten knapp werden. » Its education, stupid!«, lautet die Parole, auf die Bildung kommt es an, auf jene Investitionen in Humankapital, die aus der konjunkturellen Erholung eine strukturelle Gesundung werden ließen. Die florierende Weltwirtschaft scheint sich von den Übeln der Weltpolitik abzukoppeln das ist die beste Nachricht für 2007.Wären da nur nicht die berüchtigten »exogenen Faktoren«, wie sie im Ökonomie-Jargon heißen: Terror und Krieg, aber auch Dollar-Kollaps und Demagogie.Halten wir sie fern, könnte das neue Jahr ein halbwegs gutes werden.
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