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Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal, wo die altherkömmliche Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu sein; denn Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige Bewegung mit der Faust.
"Wer hat's denn gekriegt?" fragte ich noch.
Der Alte hielt die Hand vor den Mund und flüsterte mir zu: "Es ist auf die rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, der unser Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: "Es ist der Raugraf; die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt."
Der sogenannte "Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger Mann, der in den Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig auf der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer von denen, die auf Universitäten eine Rolle spielen, um dann im späteren Leben spurlos zu verschwinden. Von den jungen Handwerkern, denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr gehaßt, wie er für die größere Anzahl der jüngern Studenten der Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe andrer Universitäten besucht und, teilweise durch Relegation gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die unsrige zu versuchen, und bald gingen von seinem großen Wechsel und dann von seinen noch größeren Schulden die mannigfaltigsten Gerüchte im Schwange. Der Titel "Raugraf", den er mitbrachte, paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts erinnert und allerdings die Weise der alten Junker, die ja die Schwächeren rücksichtslos für ihre Leidenschaften zu verbrauchen pflegten, sich vollständig auf ihn vererbt zu haben schien.
Da ich den Raugrafen weder genau kannte noch ein Interesse an seiner Person nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken.
Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert werden.--Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und saß im Sofa über einer Pandektenkontroverse, als an die Stubentür gepocht wurde.
Auf mein "Herein!" trat die stattliche Gestalt meines Freundes Christoph vorsichtig und etwas zögernd in das Zimmer.
"Bist du allein?" fragte er.
"Wie du siehst, Christoph."
Er schwieg einen Augenblick. "Ich muß fort von hier, Philipp", sagte er dann, "Noch heute abend; weit fort, an den Rhein zu meinem Mutterbruder; er ist schwächlich und braucht einen Gesellen, der nach dem Rechten sehen kann. Aber ich fürchte, meine Barschaft reicht nicht für die Reise, und Fechten, das ist nicht meine Sache."
Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme auf den Tisch gezählt. "Reicht das, Christoph?"
"Ich danke dir, Philipp." Und er steckte das Geld sorgsam in seine Börse, die schon einen kleinen Schatz am Gold- und Silbermünzen enthielt. Erst jetzt sah ich, daß er in seiner schwarzen Sonntagskleidung vor mir stand.
"Aber du bist ja in vollem Wichs", fragte ich; "wo bist du denn gewesen?"
"Nun", sagte er und rieb sich nachdenklich mit der Hand seine breite Stirn, "ich komme eben von der Polizei!"
"Du hast schon deinen Paß geholt?"
"Jawohl; meinen Laufpaß."
Ich sah ihn fragend an.
"Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhaus."
Mir ging ein Licht auf. "So! Also du bist es gewesen?" sagte ich. Daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!"
"Freilich bin ich dort gewesen, Philipp."
"Lenore war wohl mit dir?"
Er nickte.
"Und da hast du den Raugrafen durchgeprügelt?"
Ein Lächeln befriedigten Hasses legte sich um seinen Mund. "Sie sagen ja, daß ich's gewesen sei", erwiderte er.
Der alte Feind der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone der Genugtuung, daß ich über den Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft sein konnte.
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