|
Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen, damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr. Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben: Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine Rückkehr zur einstimmigen Melodie.
Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht; denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden. Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist dein Urteil falsch und unvollstreckbar.
Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv, sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als feindliche Mächte -- freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben, nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen Vergangenheitswurzeln bedacht --; im Vorblick wirkt die historische Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen, ja unentbehrlich.
Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende, die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde.
Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt, seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel, der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je weniger er sich um die irdische Bindung kümmert.
|