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Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden?
Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen, denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird. Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen.
Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile, das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen, sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind.
Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet, sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt.
Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas, das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt.
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