Charakter
Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe, Stärke und Freiheit, als die wir kannten.
Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen.
Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der Wirkungsreihe noch tiefer liegt.
Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter.
Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt, sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor den Ergebnissen.
Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische Charakter.
Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir. Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen wir die bewegenden Kräfte prüfen.
Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen, auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren, Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität.
Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.
Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück.
Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen wollen.
Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die Unabsetzbarkeit.
Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann. Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition.
来源:云南外语网
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