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Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung, vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt, Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere von zwei Übeln.
Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System. Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche Gegenbegriff Autokratie und Demokratie.
Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert wird.
Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil, nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt.
In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen. Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper.
Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich. Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens, womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung gewachsen ist.
Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus, stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche Leben noch unmöglicher.
Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft.
Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar, es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich, unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt. Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.
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