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Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form, und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt, nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich verlangen.
Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens, die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen, lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch Vergleich bewußt geworden war.
Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist, geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen, etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß solche Sondervorteile nicht bestehen.
Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren. Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an herkömmlichen Denkreihen und Methoden.
In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten.
In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht: Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der Atmosphäre.
In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf der Liste zu finden.
Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner verstärkt, ist nichts weiter zu sagen.
Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt.
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