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Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß, keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte.
Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind, welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische Unabhängigkeit.
Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern, Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre, Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo.
Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen lohnt es nicht.
Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des »Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei, einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern. Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten zugrunde.
Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit.
Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des Eingeborenen.
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