Sprecherin:
"Golf ist ein Spiel, bei dem man einen zu kleinen Ball in ein zu kleines Loch schlagen muss, und das mit Geräten, die für diesen Zweck denkbar ungeeignet sind", meinte einst der englische Staatsmann Winston Churchill über den grünen Sport. In Deutschland wird die drittbeliebteste Sportart der Welt dagegen oft noch durch Vorurteile definiert.
Winni Bellinghausen:
"Dass kann ich mit 80 Jahren immer noch spielen, die Millionen auf der hohen Kante, die karierte Hose im Schrank, dann kann es mit dem Golfen losgehen. Und das habe ich auch lange Zeit, bevor ich angefangen hab', auch so noch empfunden."
Sprecherin:
Ein Mann, drei typisch deutsche Ansichten über Golf. Golflehrer Winni Bellinghausen, heute 35 Jahre alt, war in seiner Studentenzeit Fußballspieler und dem Golfen eher abgeneigt.
Sprecher:
Denn für ihn war Golf damals ein Altherrensport, den man noch im hohen Alter, sprich mit 80 beginnen kann. Womit Bellinghaus ganz nebenbei ausdrückt, dass er Golfen damals gar nicht als echten Sport betrachtete. Außerdem meinte er, dass sich nur jene Golf leisten können, die Millionen auf der hohen Kante haben, also reich sind. Der Ausdruck kommt von der Gepflogenheit, Münzgeld in größere Rollen zu verpacken, so dass die einzelnen Geldstücke hochkant stehen. Das dritte Vorurteil gegen Golf bezieht sich auf eine vermeintliche Kleiderordnung. Die karierte Hose steht dabei für den Verdacht, man brauche eine kostspielige aber geschmacklose Garderobe, um kleine Bälle zu schlagen.
Andrew Clark:
"Die Leute haben Hemmungen, überhaupt zu einer Golfanlage zu gehen. Und, ich sag mal, mein Hauptjob hier ist eigentlich, Leute, die noch nie Golf gespielt haben, einmal hier auf die Anlage zu bringen, das ist die Kunst."
Sprecher:
Kunst ist eine schöpferische Fähigkeit des Menschen, und diese braucht es anscheinend, um Deutsche zum Golfen zu bewegen. Eine Kunst, von der Profi-Golfer Andrew Clark etwas versteht.
Sprecherin:
Denn er ist schließlich Engländer. Wie in seiner Heimat soll auch in Deutschland der Einstieg in diesen Sport so unkompliziert und preiswert wie möglich werden. Als Pächter betreibt er im Kölner Stadtteil Roggendorf die einzige öffentliche Golfsportanlage mit einem 18-Loch-Platz in Deutschland, die von einer Kommune, also mit Steuergeldern, gebaut wurde. Clarks Konzept:
Andrew Clark:
"Aldimäßig, das heißt an die Masse ran, aber dafür weniger Geld nehmen. Und genau das ist es. Wir haben fast jeden Tag 'n volles Haus, dafür zahlen sie aber alle viel weniger, als was sie in einem normalen Golfplatz zahlen."
Sprecher:
Aldi ist eine sehr profitable Lebensmittelkette, die die Waren äußerst billig und deshalb massenhaft verkauft. Das kann sie, weil sie die Produkte in großen Mengen abnimmt und keine schmucken Filialen unterhält, wo die Lebensmittel adrett in Regale gereiht sind. Und wer auf Andrew Clarks Golfanlage spielt, muss mit seinen Platzgebühren nicht auch noch ein teures Clubheim oder die Ansprüche eines Clubs mitfinanzieren. Deshalb ist das Haus voll, die Golfanlage gut besucht.
Sprecherin:
Jürgen Bergheim, Journalist, 52 Jahre alt, spielt seit über einem Jahr auf der öffentlichen Golfanlage in Köln. Hier hat er den Einstieg in den Sport gefunden, auch weil viele Freunde und Bekannte inzwischen Golf spielen.
Jürgen Bergheim:
"Da sieht man Typen, denen würde man überhaupt gar keinen Sport zutrauen, weil die tatsächlich wohlbeleibt sind oder wie man hier im Rheinland sagt, die han 'ne Figur wie 'n Maggiwürfel. Aber wenn man die beim Abschlag sieht, da wird man eines Besseren belehrt. Da ist kräftig Wumm dahinter, und die treffen gut und die spielen gut."
Sprecher:
Maggiwürfel sind Brühwürfel, die von einer alten deutschen Markenfirma gleichen Namens hergestellt werden. Auch mit einer eher unsportlich erscheinenden Figur schaffen es Menschen also, mit Wumm, mit gehöriger Schlagkraft, den Ball zu treffen. Wumm kommt aus der Comicsprache, die ja oft lautmalerisch ist.
Sprecherin:
So weit, dass Jürgen Bergheim einem Club beitreten würde, ist er noch nicht. An der öffentlichen Golf-Anlage gefällt ihm ...
Jürgen Bergheim:
" ... dass ich hier tatsächlich nicht von Aufschneidern und Angebern umzingelt bin und dass selbst, wenn’s vorhanden ist, ich nicht unbedingt sagen muss, um anerkannt zu werden, wie viel ich auf dem Konto hab', sondern man wird ganz normal als Sportler in erster Linie akzeptiert."
Sprecher:
Was Jürgen Bergheim an der öffentlichen Anlage gefällt, ist in seinem Gegenteil das, was er in Golfclubs befürchtet: von Aufschneidern und Angebern so umzingelt zu sein wie einer, der von allen Seiten durch seine Feinde eingeschlossen ist.
Sprecherin:
Wie eine neue Studie belegt, ist Golf vor allem Trendsport bei verheirateten Akademikern. Der typische deutsche Golfer ist demnach männlich, besitzt einen Universitätsabschluss, ist zwischen 30 und 64 Jahre alt und verfügt über ein überdurchschnittliches Nettoeinkommen.
Jürgen Bergheim:
"Wenn man das einmal in der Woche macht, da würde ich doch sagen, es ist 'ne relativ teure Sportart."
Sprecherin:
Uli Paetzel betreibt eine öffentliche Golfübungsanlage in Frechen bei Köln mit Driving Range, einem 6-Loch-Platz sowie zahlreichen Übungsgrüns.
Uli Paetzel:
"Hier auf dem Gut Clarenhof ist 'n riesiger Naturkostbereich. Der Kinderspielplatz ist auch über die Region hinaus bekannt. Der Biergarten bei uns wird auch von der Bevölkerung angenommen. Von der Oma angefangen bis zum Enkel kann hier jeder irgendwas erleben."
Sprecherin:
In Zusammenarbeit mit der Universität Köln bietet Paetzel seit Jahren Studentenkurse an.
Uli Paetzel:
"Diese Kurse sind sogar vom Studenten-ASTA noch unterstützt, so dass die Studenten wirklich für ganz kleines Geld hier mal reinschnuppern können."
Sprecher:
Man sollte jetzt nicht etwa meinen, dass es in Deutschland neben den üblichen Münzen und Scheinen auch Winzlinge, sprich kleines Geld gibt. Das Golf-Spiel ist bei Paetzel schlicht billig. Und wenn man in eine so handfeste Sportart wie Golf hineinschnuppert, dann hat das auch nur bedingt mit der Nase zu tun. Wenn der Mensch schnuppert, atmet er in kurzen Schüben Luft ein und testet, ob ihm gefällt, was er riecht. Im übertragenen Sinne probiert er etwas aus, ohne sich festzulegen. Der ASTA, der Allgemeine Studentenausschuss, eine gewählte Interessenvertretung der Studierenden, subventioniert übrigens auch Sportkurse.
Sprecherin:
Auf einen Golfplatz zu kommen, ist in Deutschland allerdings nicht ganz so einfach, und das nicht allein wegen der Platzgebühren.
Uli Paetzel:
"Auch im Golfen ist es nämlich so, man muss die Platzerlaubnis, die Platzreife machen. Ähnlich wie beim Führerschein 'ne Theorie- und 'ne Praxisprüfung, und erst dann, wenn die bestanden ist, darf ich Golf spielen."
Sprecher:
Ohne Führerschein ist Autofahren in Deutschland nicht erlaubt. Ohne die Platzerlaubnis ist auch Golfen nicht möglich. Die Prüfung wird in einem Golfclub abgelegt. Dabei muss der Anfänger gewisse Fertigkeiten der Ballkontrolle sowie das Beherrschen der Regeln nachweisen. Bis es soweit ist, braucht er etliche Trainerstunden und meist die Mitgliedschaft in einem Golfclub.
Sprecherin:
Michael Jakoby, Besitzer einer Golf-Marketing Agentur, hat in Köln die "Rheingolfmesse" etabliert. Eine internationale Leistungsschau von Golfunternehmen jeder Art. Das Ziel des 39-Jährigen: Golf zu einem Breitensport in Deutschland zu entwickeln. Zurzeit gibt es rund 400.000 Clubgolfer, dazu kommen noch 300.000 nicht organisierte Spieler.
Michael Jakoby:
"An diesen Zahlen merkt man, dass wir eigentlich noch Golf-Diaspora sind. Glücklicherweise ist Golf eine Trendsportart auch gerade für junge Leute geworden, was sicherlich damit zusammenhängt, dass der Einstieg in den Golfsport erfreulicherweise sehr, sehr viel günstiger geworden ist, als es noch vor zehn Jahren war."
Sprecher:
In der Diaspora befanden sich ursprünglich die außerhalb Judäas lebenden Juden. Sie waren damit eine Minderheit, ganz so wie die deutschen Golfer, die gemessen an der Bevölkerungszahl immer noch wenige sind. Doch Golf ist inzwischen Trendsportart. "Trend" ist der englische Begriff für drehen und wenden. Und so wenden sich immer mehr Menschen diesem Sport zu.
Sprecherin:
Auch weil die Preise langsam sinken. Denn seitdem immer mehr landwirtschaftliche Flächen brach liegen, entstehen auch mehr Flächen für Golfplätze. Und so verändert sich die Golfkultur, wie Michael Jakoby beobachtet.
Michael Jakoby:
"Die Golfplätze werden wieder etwas farbenfroher und sie werden etwas lauter. Auch die Angebote der Golfanlagen verändern sich. Man sieht mittlerweile schon mal hier und da 'n Kinderspielplatz, oder einige Golfplätze denken über Kinderbetreuung nach. Also, Golf wandelt sich vom elitären Gesellschaftssport zu einem dienstleistungsorientierten Freizeitvergnügen. Und das ist der richtige Weg."
Sprecher:
Noch vor zehn Jahren war Golf ein elitärer Gesellschaftssport. "Elite" ist ein französischer Begriff und bezeichnet die Auswahl der Besten. Das abgeleitete Adjektiv elitär hat im Deutschen dagegen einen negativen Unterton. So war Golf früher Sport einer wohlhabenden sozialen Klasse, die eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft beanspruchte.
Sprecherin:
Die Aufnahmegebühren der wenigen Clubs verschlangen leicht das halbe Jahreseinkommen eines deutschen Durchschnittsverdieners. Wer den Schläger schwang, zeigte weniger seine sportliche Leistung als seine finanzielle Potenz.
Sprecher:
Doch jetzt wird Golfen zum dienstleistungsorientierten Freizeitvergnügen. Golfclubs und Golfplatzbetreiber umwerben den Neu-Golfer als Kunden, dem man eine gewisse Leistung bieten muss.
Sprecherin:
Wie auf dem Golfplatz "Golf & Sport 2000" in der Stadt Overath. Hier gibt es eine öffentliche Panoramabar, einmal wöchentlich kostenlose Kinderbetreuung und die erste Golfhalle der Welt mit Naturrasengrün für unbeschwertes Golfüben auch im Winter. Erbaut wurde der Golfplatz auf einem ehemaligen Bergwerksgelände. Ein wirtschaftlicher Wandel der besonderen Art, der einige Überzeugungsarbeit brauchte, erinnert sich Golfplatzmanager Robert Hoppe.
Robert Hoppe:
"Das Genehmigungsverfahren für diese Golfanlage hat circa acht bis zehn Jahre gedauert. Das liegt daran, dass in Deutschland der Golfsport noch nicht so als Breitensport gesehen wird. Wenn man einen Golfplatz genehmigt, dann gibt's dann also sicherlich bis zu zwölf Behörden, die damit beschäftigt sind, ihren Bereich abzudecken und zu genehmigen."
Sprecher:
Wer in Deutschland baut, durchläuft mit seinen Plänen einen bürokratischen Prozess. Denn erst, wenn sämtliche Auflagen von Umweltamt bis Wasserbehörde erfüllt sind, kann ein Bauprojekt starten. Bei Golfplätzen dauert dieser Vorgang meist länger, weil die Entscheidungsträger noch skeptisch sind. In ihren Augen ist Golf kein Breitensport wie Volleyball oder Laufen. Wäre es so, müssten die Kommunen Golf sogar finanziell fördern. Beim Breitensport geht es in erster Linie um Sport, der aus Geselligkeit, Gesundheitsgründen und Spaß in dafür anerkannten Vereinen ausgeübt wird.
Sprecherin:
"Golf & Sport 2000" soll offen für jedermann sein.
Robert Hoppe:
"Grundsätzlich gibt es immer noch 'ne Hemmschwelle zum Golf, aber wir kriegen so langsam den Wandel hin, dass die Leute dann erkennen, also vom Preis her ist es ja gar nicht so und dann ist da oben … da ist es auch relativ locker, sind auch viele junge Leute. Es gibt eben aber auch für die Leute, die sagen: 'Nee, also das ist nicht das, was ich möchte', gibt es eben auch ein gemütliches Beisammensein. Also, man muss nicht nur eben sich um das Golf kümmern, sondern man muss noch 'n bisschen mehr bieten."
Sprecher:
Auch wenn Robert Hoppe mit seiner Golfanlage vielen etwas bieten will, die Hemmschwellen sind immer noch da. Die Deutschen trauen sich noch nicht so recht. Wie an der Schwelle zur Eingangstür stehen sie da und treten nicht ein. Vielleicht hilft ja ein gemütliches Beisammensein – in Deutschland ein sehr geschätztes Ereignis. Man kommt in einer behaglichen und vertrauten Atmosphäre zusammen, redet, isst, trinkt und wird ganz sonnig im Gemüt.
Sprecherin:
Seit 1907 in Deutschland der erste Golfclub eröffnet wurde, hat sich die Zahl der Clubs auf 621 erhöht. Die Konkurrenz wächst. Und so müssen sich die Clubs, anders als früher, um neue Mitglieder bemühen. Viele erheben keine Aufnahmegebühr mehr, den moderaten Jahresbeitrag kann man monatlich zahlen, und so mancher Verein bietet auch günstige Schnupperkurse an, in denen man an einem Tag drei Stunden hintereinander in einer kleinen Gruppe mit einem professionellen Lehrer Golf übt, um festzustellen, ob dieser Sport einem gefällt.
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